Phase 2 · Praxis-Step 7 von 9
Eine Frage erst über Texttreffer prüfen und für Beziehungsfragen gezielt Graphpfade ergänzen.
Was du mitnimmst
Graphkontext ist die Zusatzroute für Fragen, deren Antwort über Beziehungen entsteht.

Praxisziel
Du erstellst einen einfachen Vergleich: Was liefern direkte Texttreffer, welchen Pfad liefert der Graph und welche Route soll die Frage später nehmen?
Szenario
Frage A lautet: "Was sagt Richtlinie A zur Prüfung kritischer Kundensysteme?" Frage B lautet: "Welche Projekte sind betroffen, wenn CRM als kritisches Kundensystem jährlich geprüft werden muss?" Frage A ist ein guter RAG-Kandidat. Frage B braucht Beziehungen zwischen Richtlinie, System und Projekt.
Der praktische Weg ist einfach: Stelle zuerst eine Frage an die Textsuche. Dann prüfst du, ob die Antwort eine Verbindung über mehrere Objekte braucht. Bei Frage B entsteht die Antwort über Richtlinie -> System -> Projekt.
Im Mini-Use-Case kann die Richtlinie allein die Prüfpflicht erklären. Die betroffenen Projekte entstehen aus einer zweiten Quelle und werden über einen Beziehungspfad verbunden.
Heuristik
Arbeite in vier Schritten:
1. Frage lesen: Geht es um einen konkreten Abschnitt oder um verbundene Objekte?
2. RAG-Baseline prüfen: Welche Chunks findet die Textsuche? Reicht ein Quellenabschnitt für eine belastbare Antwort?
3. Pfadbedarf prüfen: Braucht die Antwort Entitäten und Beziehungen, zum Beispiel Richtlinie -> System -> Projekt?
4. Route festlegen: Direkte Quellenfrage läuft über RAG. Beziehungsfrage bekommt Graphkontext dazu.
Texttreffer liefern Belege. Graphpfade liefern Zusammenhang. Die Entscheidung entsteht aus der Frageklasse und dem erwarteten Antwortweg.
Greifbar machen
Praxis-Hinweis: In der Umsetzung wird meist zuerst eine RAG-Baseline gebaut und dann mit ausgewählten Graphpfaden verglichen. Für jede Frageklasse wird geprüft, ob direkte Texttreffer reichen oder ob Entitäten, Nachbarn und Pfade zusätzlichen Nutzen liefern. Daraus entstehen später Retriever-Routen: Quellenfragen nutzen Text, Beziehungsfragen holen Graphkontext dazu.
{
"question": "Welche Projekte sind betroffen, wenn CRM als kritisches Kundensystem jährlich geprüft werden muss?",
"rag_baseline": {
"expected_hits": ["policy-a Abschnitt 4.2", "project-list Zeile 12"],
"strength": "findet relevante Textstellen"
},
"graph_context": {
"required_path": [
"policy-a -> defines_obligation_for -> system-crm",
"system-crm -> used_by -> project-alpha",
"project-alpha -> owned_by -> team-customer-core"
],
"added_value": "betroffene Projekte entstehen über Beziehungspfade"
},
"decision": "graph_context_needed"
}Schlüssel kurz erklärt
question ist die geprüfte Frage.rag_baseline beschreibt, was direkte Textsuche liefern sollte.expected_hits nennt erwartete Fundstellen.graph_context beschreibt den zusätzlichen Beziehungskontext.required_path hält den benötigten Pfad fest.added_value erklärt den Mehrwert.decision dokumentiert, welche Retrieval-Route für diese Frageklasse sinnvoll ist.Achten auf
Worauf du achten musst
GraphRAG wird pauschal aktiviert, bevor die Frageklasse geprüft ist. Dadurch steigen Komplexität, Kosten und Fehlerfläche.
Ein zweiter Fehler ist Graphgläubigkeit. Ein vorhandener Pfad braucht belegte Aussagen, Autorität, Gültigkeit und eine klare Relevanz für die Frage.
Prüfen
Signal
Der Graph liefert viel Kontext und noch wenig zusätzliche Evidenz für die konkrete Frage.
Du erkennst Overhead auch daran, dass die Antwort länger wird und die Genauigkeit gleich bleibt. Gute GraphRAG-Antworten erklären mehr Zusammenhang.
Üben
Formuliere zwei Fragen: eine, bei der RAG wahrscheinlich reicht, und eine, bei der Graphkontext nötig wird. Begründe den Unterschied.
Was steht in Richtlinie A Abschnitt 4.2?
Welche Projekte und Teams sind von der Prüfpflicht aus Richtlinie A betroffen?
Die erste Frage braucht eine Quelle. Die zweite Frage braucht Verbindung über Quellen hinweg.
Richtlinie -> System -> Projekt -> Team.
Genau an dieser Grenze beginnt GraphRAG als begründete Architekturentscheidung.
Reflektieren
RAG reicht oft für direkte Quellenfragen. Graphkontext wird wichtig, wenn die Antwort einen Beziehungspfad über mehrere Objekte oder Quellen braucht.
Graphgläubigkeit entsteht, wenn ein vorhandener Pfad automatisch als wahr gilt. Jeder Pfad braucht Herkunftsbeleg, Autorität und möglichst Gültigkeit.
Graphkontext erzeugt Mehrwert, wenn er eine Antwort prüfbarer, vollständiger oder stabiler macht als reine Texttreffer.
Kernaussage
Graphkontext ist die Zusatzroute für Fragen, deren Antwort über Beziehungen entsteht.